Interview mit Alexander Zimmer

Der Respekt uns Feuerwehrleuten gegenüber hat in den letzten Jahren stark abgenommen

Sie sind diejenigen, die eingreifen, wenn es an Silvester brenzlig wird – die Frauen und Männer der Feuerwehr. Brandamtmann Alexander Zimmer ist einer von ihnen. Seit 27 Jahren, davon zwanzig im gehobenen Dienst und als Einsatzleiter für größere Schadenslagen, ist er für die Berufsfeuerwehr Hagen1 im Einsatz.

Interview mit Alexander Zimmer

© Foto: Silvester.in

Im Gespräch mit Sebastian Scholtysek von silvester.in gewährt Alexander Zimmer eine Innensicht in den alljährlichen Silvesterdienst und schildert, wie sich die Arbeit der Feuerwehr in den letzten Jahren an Silvester verändert hat. Zum sicheren Abbrennen von Feuerwerk hält er einige Tipps parat und erklärt, was wie man sich im Notfall verhalten sollte.

  • Silvester.in: Was fällt dir ein, wenn du an Silvester denkst?

    Alexander Zimmer: Silvester ist erstmal etwas sehr Schönes. Die Menschen treffen sich, um das neue Jahr zu begrüßen und es gibt ein Silvesterfeuerwerk. Für die Berufsfeuerwehr und für die Feuerwehren im Allgemeinen ist Silvester ein Tag, auf den sie sich gut vorbereiten müssen und an dem eine erhöhte personelle Einsatzbereitschaft vonnöten ist. Üblicherweise gibt es an diesem Tag sowohl im Bereich des Rettungs- als auch des Brandschutzdienstes mehr Einsätze als üblich.

  • Silvester.in: Bist du jedes Silvester im Dienst oder hast du auch ab und an frei an Silvester?

    Alexander Zimmer: In die Vorbereitung und Planung vor Silvester bin ich als Einsatzplaner jedes Jahr eingebunden. Der Pool an Einsatzleitern ist jedoch so groß, dass ich in der Silvesternacht selbst lediglich alle drei bis vier Jahre im Dienst bin. Um Silvester herum komme ich aber in keinem Jahr, da die Aufarbeitung der Silvesternacht im Bereich meiner Tätigkeit als Einsatzplaner stets dazu gehört. Da wird dann geschaut, wie viele Einsätze wir insgesamt hatten, welche Besonderheiten es gab und in welchen Bezirken wir erhöhte Einsatzzahlen registrieren mussten.

  • Silvester.in: Wie plant man in der Feuerwehr Silvester?

    Alexander Zimmer: Zunächst einmal müssen wir planen, welche Einheiten der freiwilligen Feuerwehr uns unterstützend zur Verfügung stehen. Ebenso muss die Wachbesatzung für den Rettungsdienst und den Brandschutz eingeteilt werden, die in etwa aus je vierzig Beamten besteht. Und darüber hinaus stellen wir im Vorfeld drei Einheiten zusammen, die uns am Gerätehaus zur Verfügung stehen und sofort einsetzbar sind.

  • Silvester.in: Wie viele Einsätze habt ihr im Durchschnitt an Silvester?

    Alexander Zimmer: Zunächst einmal muss zwischen Einsätzen im Rettungsdienst und in der Brandbekämpfung unterschieden werden. In beiden Bereichen haben wir jedes Silvester ein stark erhöhtes Einsatzaufkommen im Vergleich zu den anderen Tagen im Jahr. Bei den Rettungsdiensteinsätzen ist mit ungefähr 40 bis 50 Einsätzen zu rechnen. Die Zahl der Brandeinsätze liegt bei ungefähr zwanzig Einsätzen. Je nach Wetterlage kann diese niedriger oder höher ausfallen. Wenn es eine regnerische Silvesternacht gibt, ist deutlich weniger los, als wenn klares Wetter ist.

  • Silvester.in: Hat sich die alljährliche Einsatzlage an Silvester in den letzten Jahren geändert?

    Alexander Zimmer: Eine Erhöhung der Einsatzzahlen konnte ich in den letzten Jahren nicht feststellen. Obwohl die Sicherheit der Feuerwerkskörper im Allgemeinen zugenommen hat, sind die Einsatzzahlen aber auch nicht rückläufig. Im Großen und Ganzen ist das Einsatzaufkommen gleich geblieben.

  • Silvester.in: Was für Einsätze sind an Silvester die häufigsten?

    Alexander Zimmer: Zumeist handelt es sich bei den Einsätzen an Silvester um durch Böller oder Raketen hervorgerufene Brände auf Balkonen oder in Mülleimern. Das Schöne in der Silvesternacht ist, dass der Löschverzug, das heißt die Zeit, die vom Erkennen des Ausbruchs des Brandes bis zum Löschen vergeht, deutlich kürzer als sonst ist, da die Menschen üblicherweise sehr lang wach bleiben und ausbrechende Feuer schneller entdeckt werden. An einem anderen Tag kann es auch passieren, dass ein Brand mal eine halbe Stunde unbemerkt bleibt und sich dann zu einem Großbrand ausbreitet. Im Bereich des Rettungsdienstes überwiegen die alkoholbedingten Einsätze. Gerade an Silvester trinken viele Leute mehr, als sie vertragen können. Auch haben wir es an Silvester vermehrt mit chirurgischen Verletzungen zu tun. Häufig haben wir auch Patienten mit Gehörschädigungen und Augenverletzungen. Oftmals passieren diese Unfälle, weil die Abstandsregel oder andere Sicherheitshinweise missachtet werden.

  • Silvester.in: Worauf sollte man beim Abbrennen von Feuerwerk achten, damit Verletzungen und Brände vermieden werden?

    Alexander Zimmer: Die erste Regel ist, Feuerwerk nicht im alkoholisierten Zustand zu verwenden. Diese Regel durchzusetzen, ist natürlich Wunschdenken. Da könnte man nämlich genau so gut versuchen, Alkohol im Fußballstadion zu verbieten. An Silvester wird nun mal gern getrunken und die meisten Leute, die Feuerwerk zünden, tun dies auch. Worauf man unabhängig davon achten sollte, ist, dass man aus einem sicheren Stand abschießt. Für Raketen eignet sich dabei ein Getränkekasten. Denn eine einzelne Flasche kann umfallen und eine Rakete, die im Umfallen begriffen ist, nimmt eine andere Flugbahn als gewünscht. Man sollte tunlichst nicht in der Nähe von leicht brennbaren Gebäuden, zum Beispiel Gebäuden mit Reetdächern, Feuerwerk zünden. Immer da, wo weiche Bedachung vorhanden ist, wie beispielsweise bei Flachdächern, besteht eine erhöhte Brandgefahr. Insbesondere bei Böllern sollte ein Mindestabstand von circa 8 Metern eingehalten werden. Alles, was man aus der Hand abwirft, sollte zudem sofort nach dem Anzünden weggeworfen werden. Die Abbrenndauer beträgt drei bis acht Sekunden. Bei dieser geringen Abbrenndauer sind Spielchen wie ‚wer hält den Böller am längsten in der Hand‘ äußerst gefährlich und können schlimme Auswirkungen haben.

  • Silvester.in: Wie sollte man mit Blindgängern umgehen?

    Alexander Zimmer: Üblicherweise heißt es, man soll Blindgänger mit Wasser überschütten. Aber seien wir mal ehrlich: Wer tut das denn überhaupt? Ich habe noch niemanden gesehen, der an Silvester mit einem Eimer Wasser rumläuft. Auch kann man sich fragen, ob dies bei Temperaturen von -8 Grad überhaupt sinnvoll ist. Denn dann kann man dafür sorgen, dass der nächste einen Purzelbaum schlägt, wenn er auf die möglicherweise vereiste Wasserfläche gerät. Ich rate daher, sie einfach liegenzulassen und nach einer halben Stunde in die Mülltonne zu werfen, damit kein Kind sie aufsammeln kann. In keinem Fall sollte man sie ein zweites Mal anzünden, weil die Zeit, die von der Zündung bis zur Explosion vergeht, erheblich verringert ist.

  • Silvester.in: Wie sollte man sich verhalten, wenn ein Brand ausbricht?

    Alexander Zimmer: Im Normalfall sollte direkt die Feuerwehr gerufen werden. Wenn bei mir auf dem Balkon ein Brand ausbräche, so würde ich durchaus erstmal einen Eimer Wasser in die Hand nehmen. Es ist immer noch erlaubt, dass man selbst einen Löschversuch unternimmt. Es sei denn, der Brand ist im Innenraum ausgebrochen. Hier muss man sehr vorsichtig sein, weil die Brandgase dafür sorgen können, dass man relativ schnell das Bewusstsein verliert. Wenn da schon die Gardine oder andere Einrichtungsgegenstände brennen, sollte man auf jeden Fall schnell die Feuerwehr rufen. Das ist auch aus versicherungstechnischen Gründen sehr wichtig. Denn nur, wenn die Feuerwehr umgehend alarmiert wurde, besteht im Nachhinein überhaupt die Möglichkeit, dass die Versicherung für den entstandenen Schaden aufkommt. Im Außenbereich spricht bei einem kleineren Brand eigentlich nichts dagegen, es erst einmal selbst zu versuchen.

  • Silvester.in: Welche Sofortmaßnahmen sind bei Verbrennungen zu empfehlen?

    Alexander Zimmer: Auch hier sollte man in jedem Fall umgehend die 112 anrufen. Unabhängig davon sollte man als Sofortmaßnahme die Verbrennung kühlen. Hierzu eignen sich Kühlpacks oder, wenn diese nicht zu Verfügung stehen, auch nasse Handtücher.

  • Silvester.in: Was war das außergewöhnlichste Ereignis, das du als Feuerwehrmann an Silvester erlebt hast?

    Alexander Zimmer: Ich habe ein Silvester erlebt, an dem wir nach Mitternacht zu keinem einzigen Einsatz rausgefahren sind. Die ganze Nacht über haben wir in der Feuerwache gedacht: „Das gibt's doch gar nicht. Irgendwann mal muss es doch losgehen.“ Doch da kam dann wirklich nichts mehr.

  • Silvester.in: Hat sich die Arbeit an Silvester in den letzten Jahren verändert?

    Alexander Zimmer: Der Respekt uns Feuerwehrleuten gegenüber hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Immer häufiger kommt es vor, dass Einsatzkräfte auf der Alarmfahrt mit Silvesterraketen beschossen werden. Und auch an der Einsatzstelle werden zuweilen Raketen und Böller in unsere Richtung abgefeuert. Wie gefährlich dies ist, wurde uns bei einem Vorfall vor einigen Jahren vor Augen geführt. Bei diesem wurde eine Rettungswagenbesatzung während eines Einsatzes von hinten mit Böllern beworfen. Ein Kollege erschrak bei der Detonation so sehr, dass er auf der glatten Straße ausrutschte und sich schwer am Fuß verletzte. Er war für einige Wochen krankgeschrieben und außer Gefecht. Mittlerweile ist es so weit gekommen, dass wir teilweise schon Beamte der Polizei anfordern, um unsere Einsatzkräfte vor diesen zumeist alkoholisierten Idioten zu schützen.

  • Silvester.in: Kannst du dir erklären, weshalb der Respekt gegenüber den Einsatzkräften von Feuerwehr und Rettungsdienst abgenommen hat?

    Alexander Zimmer: Ich denke, Respekt und Moral haben allgemein abgenommen. Das ist eine Entwicklung, die man in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft sehen kann. Auch wir in der Feuerwehr sind davon betroffen. Vor zehn oder zwanzig Jahren hätte es solche Zwischenfälle nicht gegeben.

  • Silvester.in: Wie begegnet ihr dieser zunehmenden Respektlosigkeit?

    Alexander Zimmer: Zuallererst müssen wir diese negativen Vorfälle zu Kenntnis nehmen und uns darauf einstellen. Dies bedeutet konkret, dass wir uns im Einsatz ab und zu mal umdrehen und sozusagen Augen hinten haben müssen. Wenn dies nicht ausreicht und es die Lage erfordert, müssen wir die Kollegen der Polizei um Hilfe bitten. Weiterhin können wir über die Presse an die Leute appellieren und ihnen erklären, dass wir nicht da sind, um den Feiernden die Party zu vermiesen, sondern um Menschen zu schützen und Hilfe zu leisten. Und dass es da einfach nicht dazugehört, beworfen zu werden, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Aber was so selbstverständlich erscheint, muss den Menschen bedauerlicherweise vorher aufgezeigt werden.

  • Silvester.in: Wenn ihr Feuerwehrleute an Silvester im Einsatz seid, könnt ihr trotzdem ein wenig feiern und den Jahreswechsel genießen?

    Alexander Zimmer: Für die Feuerwehrleute, die an Silvester Dienst haben, ist eine Feier nicht vorgesehen. Natürlich ist der Genuss von Alkohol bei der Berufsfeuerwehr untersagt. Ein Kollege brachte an einem Silvester eine Flasche alkoholfreien Sekts zum Dienst mit. Da dieser sich aber als kein guter Ersatz herausstellte und niemandem schmeckte, wurde beschlossen, auf alkoholfreien Sekt in Zukunft zu verzichten. Wir haben aber einen anderen kleinen Brauch bei der Feuerwehr Hagen. Und zwar fahren wir um Mitternacht die Fahrzeuge des Löschzugs nach draußen und machen die Blaulichter und das Martinshorn an. Auf diese Weise begrüßen wir das neue Jahr. Im Regelfall ist es dann so, dass wir die Fahrzeuge nicht wieder in die Garagen fahren brauchen und gleich zu den ersten Brandeinsätzen fahren können.

  • Silvester.in: Zum Abschluss des Interviews hätten wir gerne noch eine Zahl von dir: Wie viele Tage vorher planst du, was du an Silvester machst?

    Alexander Zimmer: Das hängt davon ab, ob ich an Silvester im Dienst sein werde oder nicht. Ist ersteres der Fall, beginnen für mich ungefähr vier Wochen vor Silvester die Planungen. Wenn ich weiß, dass ich frei haben werde, beginnen meine Planungen auch in etwa vier Wochen vorher. Meine Familie und ich haben eine große Garage, in der wir an Silvester des Öfteren unsere Nachbarn bewirten. Wir feiern dann bis in die frühen Morgenstunden und schwingen auch gerne das Tanzbein. Natürlich schießen wir auch gerne ein paar Raketen ab - unter Beachtung aller Sicherheitsbestimmungen, wie sich versteht.

  • Silvester.in: Wie viele Vorsätze hast du an Silvester?

    Alexander Zimmer: Ich nehme mir keine Vorsätze für das neue Jahr. Es gibt viele Menschen, die machen sich Vorsätze, um einen Startpunkt für ein Ziel zu setzen. Wenn mir ein Vorsatz einfällt, dann versuche ich diesen sofort und zeitnah umzusetzen und warte dafür nicht auf den Jahreswechsel. Wenn man sich für etwas entschieden hat, sollte man nicht bis zum Jahreswechsel warten, es sei denn, es fällt einem am 29.12 was ein, dann kann man meinetwegen die zwei Tage warten. Wenn man im Mai eine gute Idee hat, die es umzusetzen gilt, beispielsweise mit dem Rauchen aufzuhören, sollte man nicht bis Silvester warten, sondern den Tag danach als Startpunkt ansetzen. Wenn man keinen Alkohol trinken oder die Eltern wieder häufiger besuchen will, muss man nicht bis Silvester warten.

  • Silvester.in: Vielen Dank für das Gespräch!

Autor: Sebastian Scholtysek Das Interview mit Alexander Zimmer führte Sebastian Scholtysek. Wenn du Fragen zum Interview hast, erreichst du Sebastian einfach per E-Mail unter s.scholtysek@silvester.in.


Quellen und Verweise

1 Feuerwehr Hagen - Verband der Feuerwehr der Stadt Hagen